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Geburtsbericht zur Wassergeburt

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Unsere Geburt

Für den Samstagmorgen hatten wir geplant, die alten Matratzen zum Recyclinghof nach Kornwestheim zu bringen. Die dummen Dinger stehen heute, drei Monate später, immer noch auf dem Speicher...
Um 9 Uhr morgens, die Sonne schien schon in unser Schlafzimmer, bin ich mit dem Gedanken aufgewacht, dass ich gerade ins Bett gepinkelt habe. Kaum war ich wach, wiederholte sich dieser Gedanke, und mir war sofort klar, dass die Fruchtblase geplatzt ist und mir das Fruchtwasser ausläuft. Ich drehte mich zur Seite und sagte zu meinem Freund: „Du Tobi, gerade ist meine Fruchtblase geplatzt.“ Tobi saß sofort aufrecht im Bett sah mich an und fragte mich: „Was sollen wir jetzt tun?“ Erst mal sind wir beide aufgestanden und ich habe eine dicke Einlage in meine Unterhose gestopft, weil das Fruchtwasser ständig rausfloss. Ich hatte das Gefühl, als ob ich meine Periode bekommen würde und 20 min später kamen die ersten leichten Wehen in einem Abstand von 7 min, was mich wirklich überrascht hat. Ich hatte nämlich immer noch die Geburt meiner Tante im Kopf, bei der die Wehen zunächst im Abstand von einer Stunde kamen.

Natürlich riefen wir jetzt erst mal unsere Hebamme Cornelia an, damit sie wusste, dass sie vielleicht heute noch einen Einsatz bei uns hatte. Na toll, die war gerade bei einer anderen Geburt. Ein Tag vor Vollmond ist das ja auch kein Wunder, da kommen eben die Babys. Zur Sicherheit gab sie uns die Telefonnummer ihrer Assistentin Bella, die gerade in der Sindelfinger Gegend unterwegs war. Auch sie wurde sofort von uns alarmiert.
Da es mir noch wirklich gut ging, hatten wir vor gemeinsam einkaufen zu gehen, damit die Zeit bis zur Geburt nicht zu langweilig wird und ich ein wenig abgelenkt bin. Aber das Fruchtwasser lief so stark aus meinem Körper raus, dass ich doch lieber zu Hause blieb und Tobi alleine einkaufen ging. Meine Mutter wollte bei unserer Wasserhausgeburt auch dabei sein, also rief ich bei meinen Eltern in Sachsenheim an. Mein Vater war ganz aus dem Häuschen und wir vereinbarten, dass er meine Mutter direkt nach der Arbeit, die um 16 Uhr zu ende ist, bei uns vorbeibringen wird.
Tobi klingelte bei unseren Nachbarn, den Phillips die unter uns wohnen, damit sie Bescheid wussten und sich nicht über die Dinge, die hier vor sich gingen, wunderten. Gegen Mittag fingen wir an, die Abstände zwischen den Wehen festzuhalten. Bewaffnet mit Stift, Papier und Armbanduhr wanderte ich durch die Wohnung. Als die Abstände kürzer wurden, spürte ich die Wehen auch heftiger. Ich merkte jetzt genau, wann die Welle anrollte und zu ihrem Höhepunkt ansetzte und danach wieder friedlich aus meinem Körper verschwand. Tobi fand es witzig mir zu zusehen, wie ich mein Gewicht über die Arme auf unserer Spülmaschine abstützte und dabei hin und her wippte. Aber damit ging es mir am besten. Bis zum Nachmittag stand ich also wippend entweder an der Spülmaschine oder an der Türklinke.
Da die Schmerzen jetzt alle 3 bis 4 min anrollten, riefen wir noch einmal Cornelia an, die uns riet in die Badewanne zu sitzen, um auszutesten, ob wir wirklich schon so weit seien oder die Wehen im warmen Wasser verschwinden würden. Und sie blieben. Trotzdem wollte sich Cornelia erst ein wenig Schlaf gönnen, da sie gerade erst von einer Geburt kam.
Um 16.30 Uhr waren meine Eltern da, die sich mit uns freuten, auch wenn ich mit meinen Wehen voll und ganz beschäftigt war. Meine Mutter zog sich erst mal einen Pulli von Tobi an und mein Vater verschwand wieder.
Gegen 17 Uhr kam dann Bella zu uns, die wir vorher noch nie gesehen hatten, die uns aber gleich sympathisch war. Und jetzt begann unsere Arbeit, denn sie meinte, dass ich jetzt bereits in das Gebärbecken steigen könnte. Dieses wartete ja schließlich schon seit zwei Wochen im Wohnzimmer auf seinen Einsatz. Tobi füllte das Becken mit einem Schlauch. Endlich. Ich wusste schon nicht mehr, wie ich mich bewegen sollte, um die Wehen auszuhalten. Die Schwerelosigkeit und die Wärme des Wassers taten mir gut. Ich weiß noch, dass sich Bella ihre Jeans und Schuhe auszog und gegen ein paar Wollsocken eintauschte. Alles war eben total unkompliziert und ohne Hektik.
Bella nahm die Herztöne mit einem kleinen handlichen CTG-Messer im Wasser: Unserem Baby ging es gut. Sie redete die ganze Zeit mit mir, was mir echt gut tat. Ich sollte versuchen zu ertasten, wie weit mein Muttermund geöffnet war. Bella beschrieb mir, was ich da genau tasten konnte. Nach meiner Beschreibung war er erst 5 cm eröffnet. Sie war sich nämlich nicht sicher, ob sie selbst ohne Handschuhe, die sie vergessen hatte, im Wasser meinen Muttermund berühren sollte. Deshalb telefonierte sie noch mit Cornelia, die ihr versicherte, dass sie auch ohne Handschuhe problemlos an meinen Muttermund fassen konnte. Mensch, war ich froh: Sie teilte mir mit, dass er jetzt vollständig, nämlich 10 cm eröffnet war. Die Übergangsphase konnte beginnen.
Komischerweise riefen an diesem Nachmittag und Abend viele Freunde von uns an, die sich nach mir erkundigen wollten. Als hätten sie gespürt, dass heute die Geburt unseres Babys ist. Tobi nahm die Gespräche entgegen. Sie wollten dann alle nicht lange stören und wünschten uns alles Gute. Auch das tat mir gut, zu wissen, dass so viele Leute an uns dachten.
Hunger hatte ich den ganzen Tag keinen; mein Müsli mit Banane stand schon ganz braun und unappetitlich im Wohnzimmerschrank. Dafür war mein Durst umso größer. Tobi, der neben dem Becken stand, musste mir nach jeder Wehe kalten Sprudel geben. Meine Mutter massierte meinen Rücken in den Wehenpausen, da der Druck auf mein Kreuzband immer größer wurde.
Die angenehmste Position im Wasser war mir der Vierfüßlerstand. Ich kniete auf allen Vieren und bei jeder Welle atmete ich konzentriert und ließ ein langes Aaaaaa raus. Eine Stunde später wurde aus dem A ein Oooooo. Denn die Sache wurde langsam heftiger. Gegen 20 Uhr kam endlich auch Cornelia. Das war klasse. Jetzt saßen vier Leute um das Gebärbecken rum und unterhielten sich. Ich selbst habe immer nur Wortfetzen mitbekommen, weil ich mich total auf die Wehen konzentrieren musste. Tobi fragte nach, ob auch alles in Ordnung sei, da ich außer „Sprudel“ und „Oooo“ nicht viel zu sagen hatte.
Bella und Cornelia füllten das Kinderuntersuchungsheft aus und ließen das Datum, da es mittlerweile schon 20.30 Uhr war noch offen. Aber mir war klar, dass unser Baby noch am Samstag, den 30. und nicht erst am 31. auf die Welt kommen würde, was ich meiner Umgebung auch felsenfest mitteilte.
Die Herztöne waren immer noch bestens und ich war total begeistert, als ich mit meiner Hand den Kopf des Babys zwischen meinen Schenkeln schon ertasten konnte. Da war mir klar, es ist bald soweit. Auch der Drang endlich zu Pressen war riesig. Ich konnte mir das Mitschieben nur noch schwer verheben. Aber aus Furcht vor einem Dammriss, wollte ich es solange wie möglich ohne Pressen aushalten.
Kurz vor 21 Uhr meinte Cornelia, dass ich mich im Wasser hinstellen und bei Tobi einhängen sollte. Ich stand Tobi gegenüber, hing mich an ihn und die nächste Wehe kam schon angerollt. Nein, so hatte sie es nicht gemeint, ich sollte mit dem Rücken zu ihm stehen und mich in seine Arme hängen und endlich Mitschieben. Meine Mutter hielt Tobi von hinten, damit er nicht ins Becken reinkippen konnte. Ich hing in Tobis Armen und die nächste heftige Wehe war im Anflug und ich drückte was das Zeug hielt. Plötzlich schrie ich: „Es brennt!“ und als Antwort kam von den drei anwesenden Frauen: “Press!“ Und ich presste und unser Baby flutsche auf einmal aus mir in die Hände von Cornelia ins Wasser. Ich konnte es nicht glauben, dass es schon so weit war. Sofort setzte ich mich ins Wasser und hatte das kleine Wesen, das uns mit einem Schrei begrüßte in den Armen. Unfassbar, auch die Schmerzen waren augenblicklich verschwunden. Das ist also unser Baby. Viel denken konnte ich nicht, da ich total überrascht war. Ich sprach das Baby gleich mit Leonie an und Bella meinte, ich sollte erst mal nachsehen, ob es ein Mädchen ist. Dieses Bild habe ich noch genau im Kopf. Es war ein Mädchen mit etwas Blut auf der Stirn, die in Falten gelegt war. Die langen Fingernägel und ihr rotblondes Haar erstaunten uns. Schnell noch ein paar Fotos und die frischgebackenen Eltern liegen sich in den Armen. Die Hebammen kümmerten sich um die Nabelschnur und ich war immer noch überwältigt. Irgendjemand kam mit warmen Handtüchern, die wir um die Kleine im Wasser wickelten, damit sie nicht fror. Meine Mutter nahm das kleine Paket und ich kniete mich ins Wasser, um die Plazenta zu lösen. Cornelia sagte zu mir, daaa ich pressen sollte, aber ohne Wehen ist das gar nicht so einfach. Ein kurzer Zug von Cornelia an der Nabelschnur und die Plazenta flutschte ins Wasser, das sich jetzt weinrot verfärbte.
Mir war kalt und ich streife mir ein T-Shirt über, damit ich aus dem Wasser in mein Bett konnte, wo unsere Leonie schon wartete. Tobi kürzte die Nabelschnur bis auf einen kleinen Rest, was gar nicht so einfach war, da so eine Nabelschnur ziemlich fest ist. Wir packten Leonie aus dem Handtuch und mussten feststellen, dass sie ihr Kindspech schon losgeworden war, da das Handtuch mit einer zähen schwarzen Masse gefüllt war. Cornelia legte Leonie an meine Brust, doch die Kleine hatte einige Mühe zu trinken. Auch an der anderen Seite nuckelte sie nur kurz.
Jetzt waren wir natürlich gespannt darauf wie groß und schwer sie war. Mit einem IKEA-Band, das wir in unserer Werkzeugschublade fanden vermaß Bella unter lautstarkem Protest unsere Leonie. Ergebnis: 55,5 cm. Danach wurde sie auf die Waage gelegt: 3950 g. Kein Wunder, dass sich mein Bauch jetzt ziemlich leer und schlaff anfühlte.
Mein Vater wurde telefonisch informiert. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Kurze Zeit später stand er an unserem Bett und begrüßte sein Enkelkind. Als Bella ihm erzählte, dass wir die Plazenta, die sie im Spülbecken vom Blut gereinigt und auf ihre Vollständigkeit geprüft hatte, im Backofen trocknen werden und das man sie alternativ auch einfrieren und dann auf Brot essen kann, hielt er dies für einen Scherz. Aber aus der getrockneten Plazenta werden wir noch Salbe für Babys Po herstellen.
Als sich Cornelia gegen 23 Uhr von uns verabschiedete, war unser Gebärbecken bereits mit einer Pumpe von Wasser und Blut gereinigt. Leonie schlief ganz friedlich in unserem Bett und wurde von allen bewundert. Die Erwachsenen stärkten sich mit Hefezopf und unterhielten sich über das eben erlebte. Natürlich mussten wir noch alle, die uns heute angerufen hatten zurückrufen, um mitzuteilen, dass unser kleines Mädchen endlich bei uns war.
Erschöpft fielen auch wir gegen 2 Uhr ins Bett. Nur wurde Leonie genau zu diesem Zeitpunkt wieder munter und beschäftigte uns bis zum frühen Morgen. Ich glaube, dass war die längste Nacht meines Lebens.
Dieses Erlebnis hat mein Vertrauen im mich selbst gestärkt. Ich brauche keinen Arzt, der mir zu sagen hat, was ich tun soll, sondern kann mich ganz einfach auf mich selbst verlassen.

Svenja Gruß

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2002 - 2015 Susanne Fischer